PHILOSOPHIE
Architektur

Das Bauen für Menschen ist wohl die vornehmste und zugleich intimste Aufgabe in der Architektur. Die eigentliche Kunst dabei besteht einfach darin, im Sinne von Adolf Loos, nicht der Verlockung zu erliegen, Architektur als Kunst zu verstehen. Daraus entsteht nämlich die offenkundige Phobie vieler Kollegen gegen Partizipation, die einen fruchtbaren Dialog mit den künftigen Nutzern verhindert. Man verhindert damit auch, dass von den „Bauherren/frauen” durchaus auch sinnvolle, lebensnahe Beiträge für die Planung eingebracht werden können. William Alsop meint: „Offenheit und die Einbeziehung der künftigen Nutzer in den Entwurfsprozess sind Voraussetzungen für eine zeitgemäße Architektur”.

Architektur als Ausdruck von Individuum und Gemeinschaft war auch angestrebtes Ziel bei R. Unwin und B. Barker. Dem Gesamtbild der Siedlung sollte ein stringenter Maßstab angelegt werden, der es dann erlaubt, dem einzelnen Haus völlige Freiheit im Detail bei der äußeren und natürlich auch innere Gestaltung zu geben. Freie Bauherren/frauen-gemeinschaften verwirklichen in individueller Eigenständigkeit Projekte, in überschaubarem Maßstab, Quartiere, welche die Mängel früherer Stadtentwicklungen (soziale Segregation, anonymes Gestaltungsdiktat und defizitäre Urbanität etc.) vergessen lassen. Das Ergebnis ist lebendig, urban, vielfältig und in der Vielfalt beinahe malerisch romantisch. Und letztlich waren das, genau betrachtet, auch immer die ungeschriebenen Regeln der Gestaltung unserer historischen Siedlungsstrukturen Dorfanger, Platz und Markt, eben der zum Abbild gewordene Konsens einer harmonischen, menschlich überschaubaren und funktionierenden Gesellschaft.

Raumordnung

Aus raumordnungspolitischen, städtebaulichen, sozialen, ökonomischen  und ökologischen Gründen sollte jede öffentliche Förderung des nicht kinderfreundlichen Einfamilienhauses nach Südtiroler Vorbild bundesweit eingestellt werden. Die Wohnform des Einfamilienhauses trägt wenig bis gar nichts zum sozialen Lernen von Kindern bei und fördert bei alten Menschen die Vereinsamung. Dem entgegen stehen gemeinschaftliche Wohnformen, von denen auch die Eltern profitieren können:  in Zeiten, wo alte Familienstrukturen (wo es z. B. obligat war, dass die Großeltern für die Kinder da waren) mehr und mehr verschwinden, dafür immer öfter Eltern mit ihren Kindern ganz allein sind, was ein ziemlich unnatürlicher Zustand ist – vgl. das afrikanische Sprichwort ”Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen”. Die aus dem Fördertopf für Einfamilienhäuser freiwerdenden Gelder sind für die Förderung von nachhaltigen Wohnkonzepten einzusetzen. Der Kongress „Charta von Athen” forderte bereits 1933 im Artikel 73:

„Die Stadt muss auf geistiger und materieller Ebene sowohl die Freiheit des Einzelnen

als auch das Interesse des Gemeinwohls sichern. Allen städtebaulichen Planungen ist der Maßstab des menschlichen zugrunde zu legen”.

Experiment

Architekten sind dringend aufgerufen experimentelle und phantasievolle Wohnkonzepte zu entwickeln die geeignet sind, die Menschen von der herrschenden Alternativlosigkeit zwischen Massenwohnbau und Einzelhaus zu befreien. Diese Konzepte müssen alle humanethologischen Bedürfnisse erfüllen und eine so überzeugende Architektur bieten, dass die unökologische Alternative im „Grünen Ghetto” weitgehend obsolet wird. Diese Modelle müssen ganz besonders auch dem menschlichen Bedürfnis nach ständigem ambivalenten pendeln zwischen Individualität und Gemeinschaft Raum bieten. Nach Ebenezer Howard (Gartenstadtbewegung um 1900) ist der attraktivste Platz für die Gemeinschaft zu suchen und auszuführen, kein anderer Ansatz macht wirklich Sinn. " Es geht um das harmonische Gleichgewicht zwischen sozialer Ordnung und individuellem Persönlichkeitsrecht, da das richtige Maß beider nötig ist, um die größtmögliche persönliche Freiheit innerhalb einer funktionierenden Gemeinschaft zu garantieren." Amitai Etzioni (Professor u.a. an der Havard)

Das Wohnumfeld

Das Wohnumfeld ist für Jung und Alt wesentlicher Faktor für ein lebenswertes Dasein. Dieser Umstand wird umso bedeutender, je älter ein Bewohner ist. Wir wissen, dass sich der Aktionsradius im Alter massiv einschränkt und letztlich nur noch den Wohnbereich umfasst. Also braucht es eine sorgfältige Gestaltung des physischen und psychischen Umfeldes und nicht nur die in der Bauordnung festgelegte Raumstrukturen und behindertengerechte Grundrisse. Und wenn dann die Fußläufigkeit gar nicht mehr gegeben ist, muss die Sichtverbindung nach draußen in eine qualifizierte Umgebung den Ersatz ermöglichen. Umgekehrt ist die Eroberung des Umfeldes durch das  Kleinkind zu beobachten, das meiner Erfahrung nach bereits im Krabbelalter das Territorium der privaten Wohnung verlassen will, wenn es nicht durch geschlossene Türen daran gehindert wird. Eine offene Türe in eine halböffentliche Zone lässt ein Kind schon früh auf Entdeckungsreisen gehen, immer mit dem Wissen der jederzeitigen Rückzugsmöglichkeit bei drohender Gefahr. Natürliche Entwicklungen dieser Art dürfen baulich nicht eingeschränkt werden.

Kleine Netzwerke

Der Mensch ist, nach Eberhard Richter, ein „soziales Wesen” und deshalb bedarf es kleiner Netzwerke zwischen dem Individuum und dem Staat, die unbewusst ein Gefühl von Sicherheit und „Heimat” bieten. Auf die Notwendigkeit dieser gegenseitigen Ergänzung von Individuum und Gemeinschaft hat bereits Ebenezer Howard 1901 hingewiesen. Besonders für Bevölkerungsgruppen ohne Lobby, unter anderen auch die allein erziehenden Mütter und Väter, sind solche kleinen Netzwerke unabdingbar. Das ist eine immer größer werdende Gruppe mit hoher Doppel- und Mehrfachbelastung durch Broterwerb, Kindererziehung, Haushalt. In einem Wohnmodell, dass einen familienübergreifenden Zusammenhalt und gegenseitig zwangloser Unterstützung in allen möglichen Lebenslagen bietet, reduziert für diese Menschen die alltäglichen Probleme, gibt Ihnen das Gefühl der Geborgenheit und schafft damit eine lebenswertere Basis, eine Heimat.

Altenheime

sind eine inhumane Institution der Ausgrenzung aus der Gesellschaft und einem Land mit sehr hohem Wohlstandsindex nicht würdig. Ein Blick in die 3.Welt lehrt sehr überzeugend, dass wir hier den falschen Weg eingeschlagen haben, den es zu verlassen gilt. Verbunden damit ist auch ein oft unterschätzter Werteverlust, wenn wir auf die Lebenserfahrung alter Mitmenschen vollkommen verzichten. Es ist aber auch ein Ausdruck hoher sozialer Kälte, wenn den Vorfahren gegenüber nicht die notwendige Anerkennung gezollt wird. Bei allen Planungen muss die gewachsene Gesellschaft im Sinne christlicher Werte ihren angestammten Platz finden. Ganz abgesehen von den sozialen Lasten die sich die Gesellschaft hier aufbürdet und schon in allernächster Zeit nicht mehr tragen wird können. Eine mögliche Alternative stellen Wohngruppen von Wahlverwandten dar, die mit gegenseitig freiwilliger Hilfsbereitschaft beseelt, eine sozial tragbare Gemeinschaft schaffen können.